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Das ‚Making-of‘ der Nippon-Trilogie & Indie-Autor-Preis 2014

2. Februar 2014

Making of Ostpol_Cover_314x512Es gibt ein paar Neuigkeiten aus dem Perlen Verlag.

  • Die Nippon-Trilogie Die Entdeckung des Ostpols nimmt am Wettbewerb um den Indie-Autor-Preis 2014 teil. Wenn der Roman unter die drei Gewinner kommt, wird er am 15. März 2014 auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt und ausgezeichnet. Daumen drücken!
  • Ab Mitte Februar 2014 wird es die drei Teilbände und die Gesamtausgabe der Nippon-Trilogie auch als Paperback geben.
  • Es gibt inzwischen auch ein ‚Making-of‘ der Nippon-Trilogie. Sie ist für 0,89 € im Amazon Kindle Shop erhältlich. Hier der Inhalt:

    Kurzvorstellung und erste Überlegungen
    Lektorat & Korrektorat
    Das eBook interaktiv machen
    Und warum nicht gleich eine Vorlesefunktion?
    Produktionsstrecke: Von Calibre zu Jutoh
    Titel
    Cover
    Formate
    Preisgestaltung
    Vertrieb
    – Amazon Kindle Direct Publishing (KDP)
    – Google Play Store
    – Apple iBookstore / iTunes
    – Distributor
    Probleme mit Sony und Adobe Digital Editions
    Buchwebsite und Downloadshop
    Leseproben
    Marketing, PR und Werbung
    Testimonials statt Fake-Rezensionen
    KDP Select-Programm
    Plötzlich auch eine Printausgabe!
    Social Media: Auf der Galeere des Selbstlobs
    eBook-Piraterie: Diebstahl oder kostenlose Werbung?
    Und dann noch die Romanverfilmung
    Fazit

Die neue Krise der Fiktion

9. Juni 2013

Angeregt durch eine Diskussion über Authentizität, die Juli Zeh auf Facebook angezettelt hatte, habe ich einige Texte zur gegenwärtigen Diskussion über die Erschöpfungserscheinungen der Fiktion in der Literatur und meine Gedanken dazu zusammengefasst. Das ist noch ganz kursorisch und essayistisch, denn ich ringe selbst seit Jahren mit der Frage und bin noch zu keinem endgültigen Schluss gekommen. Deshalb vertrete ich teilweise – auch probeweise – widersprüchliche Standpunkte. Ich habe auch den Eindruck, dass dieser Themenpudding noch nicht richtig an die Wand genagelt werden kann, weil es gar nicht so einfach ist, sich darüber zu einigen, worüber wir überhaupt reden/schreiben.


Es gibt eine Geschichte der Fiktionskrisen

Die heutige Krise der Fiktion, von der inzwischen viele Autoren berichten, ist sicher nicht ihre erste. Es handelt sich wohl eher um eine dialektische Bewegung, denn die Fiktion wurde schon mehrmals nach ihrer maximalen Ausdehnung zurückgedrängt, um danach in anderer Form wiederzukehren. Schon Platon bezichtigte die Dichtung und alle Mythen schlicht der Lüge. In neuerer Zeit folgte der Romantik Realismus und Naturalismus. Die Neue Sachlichkeit während der Weimarer Republik war eine Gegenbewegung zum pathetischen Expressionismus, und Joseph Roth schrieb, „Es handelt sich nicht mehr darum zu ‚dichten’. Das Wichtigste ist das Beobachtete.“ (1927), Der engagierten ‚objektiven‘ Literatur der 1968er folgte wiederum die Neue Subjektivität, die mehr Wert auf Authentizität und Innerlichkeit als auf objektive Klasseninteressen und -verhängnisse legte.

Auch in den USA war die Spannung zwischen Fiktion und Wirklichkeit ein großes Thema, ab Mitte der 1960er Jahre vor allem im New Journalism. Der Vorwurf an die Hochliteratur lautete, dass sie sich aus dem täglichen Leben und der politischen Realität zurückgezogen hätte, um sich sprachlichen Glasperlenspielen zu widmen. Als Truman Capote, einer der führenden New Journalists, 1965 sein Buch In Cold Blood – Kaltblütig veröffentlichte, nannte er es den ersten ‚Tatsachenroman‘, eine ‚non-fiction novel‘, und begründete damit ein neues literarisches Genre. Er wollte zeigen, dass die Wirklichkeit dramatischer und spannender sein kann als eine fiktive Geschichte, die sich mit der Angabe unterschiedlichster realer Tatsachen nur verkleidet.

Jetzt haben wir wieder diese Diskussion. Juli Zeh rief bereits 2006 in die Arena:  Zur Hölle mit der Authentizität!“  Das bezog sich aber weniger auf die Inhalte der Literatur als auf die Identität des Autors. Sie fand es zudringlich, wenn Leser und Kritiker andauernd im Backstage der Texte rumschnüffeln, um herauszubekommen, wer wer ist und wer mit wem geschlafen hat. Ich erinnere mich noch gut, wie angewidert ich war, als ich 1987 Marcel Reich-Ranickis Buch Thomas Mann und die Seinen las und jede Achtung vor dem Kritiker verlor, der – ungelogen! – in den Bettlaken der Brüder Thomas und Heinrich herumschnüffelte und ihre eingetrockneten Wichsflecken hochhielt, wenn er welche fand. Heutzutage halten die Autoren ihre Bettlaken selbst hoch und versichern an Eides statt, dass das ihr Sperma ist, und die Autorinnen malen ihre Buchcover mit ihrem eigenen und authentischen Menstruationslbut. Juli Zeh forderte, dass Autoren das Recht haben und auch nutzen sollten, sich in ihrer eigenen und in fremden Biographie selektiv zu bedienen, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.  Damals war der Fall Esra in aller Munde, ein Roman von Maxim Biller, in dem seine Ex-Freundin und ihre Mutter nur allzu deutlich wiederzuerkennen waren. Sie waren derart unvorteilhaft dargestellt, dass ihr Beleidigtsein mit ein bisschen Commonsense nachvollziehbar war. Biller hatte es damit übertrieben, auf den einfachen Kunstgriff der Verfremdung verzichtet und unabsichtlich keinen Roman mehr, sondern eine Dokumentation oder Reportage geschrieben. Das Buch musste nach einer Klage der Mutter vom Markt genommen werden und die Berufungen brachten den Fall bis vors Bundesverfassungsgericht, wo die erstinstanzliche Entscheidung noch einmal bestätigt wurde. So ein Problem kann entstehen, wenn ein Roman zu wenig Fiktion enthält.

Letztes Jahr verdichteten sich die Zeichen einer Fiktions-Krise. Philip Roth erklärte die Fiktion für tot, wollte keine mehr schreiben und bekannte, schon lange keine mehr gelesen zu haben. Im Oktober 2012 schrieb der hochgeschätzte Gregor Dotzauer schon von einer Romandämmerung.  Die älteren Diskussionen um das Problem der Fiktion, in denen die Schriftsteller der verlogenen Fiktion mit Bewusstseinsströmen (Joyce) und der totalen Dekonstruktion der realistischen Erzählform (Alain Robbe-Grillet) begegnet sind, erklärt Dotzauer wie folgt und sehr anschaulich:

„Falls darin eine Krise des Fiktionalen lag, so war sie getragen vom Misstrauen gegenüber der unsichtbar gemachten Künstlichkeit, aus deren Trockeneisnebeln und Glyzerintränen ein Realitätseffekt erstehen sollte.“

Später präzisiert er allerdings, dass es diesmal um etwas anderes geht:

„Wenn es heute eine Krise des Fiktionalen gibt, so spielt sie sich im Kampf mit dem Nichtfiktionalen ab – und das erst einmal jenseits der Literatur. Fernsehproduzenten klagen reihum, wie schwer es geworden sei, rein fiktionale Stoffe zu verkaufen. Gefragt sind Reality-Formate zwischen Show und Soap sowie Zeitgeschichtliches.“


Fiktion als Analyse und Therapie

Im selben Jahr kam Felicitas Hoppes fiktive Autobiographie Hoppe raus. Darin hat sie lauter Wünsche, Träume und Neigungen ausgelebt, denen sie bis dahin nicht nachgegeben hatte oder nicht nachgegangen war. Das Ausleben all dessen, was in einem steckt, ergibt eine ganz andere Persönlichkeit, wie ein Bild dessen Linien, Flächen und Farben über den Rand hinaus erweitert werden. Das Interessante dabei ist, dass Hoppe Dinge an sich selbst entdeckte, die ihr nicht alle wirklich sympathisch waren. Wenn man die Zügel der Affekt- und Lebensplankontrolle schießen lässt, dann zeigt sich erst die wahre Natur des Selbst. Also auf dem Umweg über die Fiktion zu einer größeren Realität? Das kann wohl funktionieren.

In die genau entgegengesetzte Richtung lief Ende 2012 ein Artikel von Peter Urban-Halle in der NZZ, Die Fiktionalisierung des Lebens. Der autobiographische Roman von heute.

„Nicht von ungefähr schreibt der Amerikaner David Shields in seinem Manifest «Reality Hunger» (dt. 2011): «Biografie und Autobiografie sind im Augenblick der Lebenssaft der Kunst. (. . .) Unsere Kultur ist besessen von realen Ereignissen, weil wir kaum noch welche erleben.» Laut Shields leben wir in einer künstlichen Welt, in der die Sehnsucht nach Authentizität immer stärker wird.“

Das ist interessant, denn damit kommen wir zu den Motiven, die den von Juli Zeh angeprangerten Authentizitätswahn antreiben. Gibt es also gute Gründe für das Misstrauen gegen die Fiktion und für die Sehnsucht nach Echtheit?

„Mit dem ebenso riesigen Projekt «Min kamp I–VI» (bisher zwei Bände auf Deutsch, «Sterben» und «Lieben», 2011/12) wurde der Norweger Karl Ove Knausgård zum meistverkauften Autor Skandinaviens. Auch er meint: «Die Welt ist total fiktionalisiert. Aufgabe eines Autors kann nicht mehr sein, Fiktion zu schreiben.»“

Klingt irgendwie schon wieder nach Joseph Roth und seinen Worten von vor bald einhundert Jahren. Wenn das keine historische Dialektik ist!


Ist Metafiktion schon der neue Mainstream?

In seiner Romandämmerung hatte Gregor Dotzauer auch schon einen neuen Trend in den Fiktionstechniken identifiziert:

„Und auch in der jüngsten deutschsprachigen Literatur ist Meta gleichsam der neue Mainstream: in Daniel Kehlmanns Ruhm, in Thomas Glavinics Das bin doch ich, in Clemens J. Setz’Indigo oder, mit purer Alberei, in Wolf Haas’ aktuellem Roman Verteidigung der Missionarsstellung.“

Wie in Brechts epischem Theater teilt die Metafiktion dem Leser oder Zuschauer mit, dass es um eine Fiktion geht, und weiht ihn vielleicht in die Probleme ein, sie entstehen zu lassen und glaubhaft zu machen. Das kann sehr, sehr komisch sein, etwa in den Filmen Schnappt Shorty! oder  7 Psychopathen. Allerdings glaube ich nicht, dass Metafiktion mehr als eine Spezialität für extrem gute Autoren und Drehbuchautoren sein kann, denn ihre überzeugende Herstellung ist erzähltechnisch extrem anspruchsvoll. Außerdem nervt es ein wenig, wenn man mehr als zwei, drei Mal pro Jahr mit Metafiktion geteased wird. Der Trick ist auf Dauer zu durchsichtig und wird langweilig.


Erweiterung der Fiktions-Kampfzone auf die Autorenschaft

Eine besondere Form der Fiktionalisierung ist die Selbst-Fiktionalisierung des Autors. Sie ist uralt, aber seit einigen Jahren und vor allem mit der Verbreitung elektronischer Medien hat die auktoriale Identitätsverschleierung eine neue Qualität erreicht. Es geht nicht mehr nur um vor juristischem Zugriff schützende Pseudonyme und erfundene Lebensläufe, die didaktisch zur jeweiligen Geschichte passen. Auch nicht um Autorennamen, hinter denen in Wirklichkeit ganze Schreibfabriken stehen (wie Alexandre Dumas, Dan Brown und James Patterson).  Es geht um den postmodernen Zweifel daran, ob überhaupt irgendjemand wirklich ‚Autor‘ und ‚Erfinder‘ von irgendetwas sein kann. Denn die großen Erzählungen sind doch am Ende (das ist keine Zustandsbeschreibung, sondern ein normativer Satz [es ‚soll‘ so sein] der Postmodernen, um sich ein Alibi für ihre eigene Ideen- und Phantasielosigkeit zu sichern – und gleichzeitig allen anderen noch zu verbieten, jemals wieder etwas Großartiges zu schreiben), und seit Helene Hegemanns Axolotl Roadkill wissen wir endlich auch, dass niemand in seinem eigenen Kopf wohnt und so etwas wie Kontrolle darüber hätte, was darin passiert.  Mein Kopf, dein Kopf? Meine Geschichte, deine Geschichte? Keine Ahnung! Der Fall Hegemann hat dann auch deutlich gemacht, dass es einen Sonderfall der extremen Fiktion und Autorenfiktion gibt, nämlich das Plagiat. Und das führt zum unappetitlichsten Aspekt der Autorenfiktion, nämlich dem aalglatten Opportunismus, der im Gefolge des postmodernen Identitätskarnevals die Autorenschaft genau und nur so verschleiert, dass vor allem die Anerkennungs- und Verkaufschancen der Texte optimiert werden. Das hat nichts mehr mit Kunst und Literatur zu tun, diese Form der Fiktionalisierung ist nur noch ein exklusives Instrument des Marketings.

‚Exotik der Wirklichkeit‘ und fiktionale Verblödung

Mein persönliches Misstrauen gegenüber der Fiktion beruht auf der Faszination für die unübertreffliche Komplexität und Verrücktheit der Wirklichkeit. Ich finde sie wahrhaft exotisch, und unter dem Motto der ‚Exotik der Wirklichkeit‘ hatte ich schon mein Doktorarbeit über die kulturellen Voraussetzungen für politisches Denken und Urteilen geschrieben, Politische Subjektivität. Der lange Weg vom Untertan zum Bürger.  Denn etwas, das uns äußerst einfach und absolut alltäglich vorkommt, so wie ein ‚politischer‘ Gedanke und ‚politisches‘ Handeln, ist in Wahrheit unfassbar voraussetzungsreich und unwahrscheinlich. Wie schrieb Egon Erwin Kisch als Vertreter der Neuen Sachlichkeit 1924 im Rasenden Reporter so schön? „Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist fantasievoller als die Sachlichkeit. Und nichts Sensationelleres in der Welt gibt es, als die Zeit in der man lebt.“

Analog dazu klage ich in gewisser Weise die Fiktion in der Literatur an, dass sie uns die Welt übersehen lässt und uns eine zweite vorgaukelt, die viel simpler, dafür aber auch wunschgemäßer ist. Der größte Wunsch scheint aber genau diese Flucht aus unserer gegenwärtigen und persönlichen Welt zu sein. Ist die Fiktion nicht die wichtigste Handlangerin des Eskapismus? In bestimmten Bereichen, etwa bei der Liebesliteratur und den historischen Romanen, zeichnet sich inzwischen eine totale Verblödung durch Superfiktionalisierung ab. Wenn Wanderhuren Könige heiraten, dann ist das eigentlich Fantasy, aber so verlogen und dumm, dass wir uns fragen sollten, ob wir das unsere Kinder lesen lassen würden. Ich habe von AutorInnen gelesen, die sich ehrlicherweise schon heute für den Müll schämen, den sie schreiben, denn die wissen, dass ihre Kinder sie dafür einmal verachten werden. Wird nicht verrückt, wer massenhaft diese seichten und stereotypen Schnulzen liest? Entstehen so nicht ‚bibliogene Neurosen‘, wie der Psychoanalytiker Viktor Frankl das nannte? Denn es ist nicht so, dass wir nur die Texte lesen. Sie lesen auch uns, wenn wir nicht aufpassen. Ich bin jedenfalls überzeugt: Du bist was du liest! Eines der schönsten Beispiele der Weltliteratur dafür ist Don Quixote, dessen Wahn sein Autor Cervantes damit erklärte, dass er jahrzehntelang schlechte Ritterromane gelesen hatte.

Freude an der Fiktion

Doch dann ist da noch die andere Seite, die Freude am Erfinden von Fiktionen. Es ist jemandem, der nicht selbst schreibt oder schon einmal geschrieben hat, kaum zu erklären, was für ein Lusterlebnis es für einen Autor ist, sich gelungene und schlüssige Personen, Handlungen, Ereignisse, Szenerien und Gegenstände auszudenken. Es ist noch besser als perfekter und erfüllender Sex! Fiktion zu schreiben ist einer der höchsten, ekstatischsten Freiheitsgrade des Denkens und Schaffens. Wie soll man darauf verzichten? Und am Ende: warum? Die verblichenen kommunistischen Regime haben mit allen Mitteln versucht, ihre Schriftsteller von der Fiktion abzubringen und ihnen soziales und politisches Engagement für die Sache des Volkes einzubläuen. Wir wissen, was daraus geworden ist.

Mit meiner Nippon-Trilogie Die Entdeckung des Ostpols, die am 1. Juli erscheint, habe ich, so der Claim, eine neue Gattung geschaffen, den historischen Tatsachenroman. Im Nachwort des Autors habe ich definiert, was einen solchen Roman ausmacht: ein Teil Fiktion auf neun Teile historischer Wirklichkeit. Welcher Teil hat mir beim Schreiben wohl am meisten Lust verschafft? Es waren natürlich die maximal 100 Seiten Fiktion in diesem 1000 Seiten starken Romanzyklus.

Andererseits habe ich den Realitätsgehalt so hoch gesetzt, um gar nicht mehr in Berührung zu kommen mit den von Verblödung gezeichneten deutschen historischen Romanen. Es war reine Notwehr. Das Genre hatte in Deutschland noch nie ein wirklich hohes Niveau. Doch heute ist es vollkommen zerstört. Wenn die Engländerin Hilary Mantel für jeden Band ihrer Cromwell-Trilogie den renommierten Booker Prize bekommt, dann spielt sich das wie in einem anderen Universum ab.

E- und U-Fiktion?

Vielleicht muss man tiefer in die Welt der Fiktionen einsteigen, um irgendetwas Sinnvolles zu dem Thema sagen zu können. Und da kommt mir gerade eine Idee. Gibt es nicht einen riesigen Unterschied zwischen der unendlichen Zahl stereotyper Fiktionsschablonen und der echten, genuinen Fiktion, die nicht nur ihre eigene, platte Botschaft mit sich führt (der ‚Weiße Ritter‘, der „Hässliche Schurke“ oder „Das abgekartete Spiel“), sondern auch noch im Dienst einer Erklärung, einer Aufklärung oder eines Erkenntnisinteresses steht? Vielleicht besteht darin der Unterschied zwischen der besonders in Deutschland gepflegten Unterscheidung von ‚ernster‘ und ‚Unterhaltungsliteratur‘, und damit zwischen E- und U-Fiktion? Mit großer Faszination habe ich die Schriften von René  Girard gelesen, nicht nur seine Kultur- und Opfertheorie seit Das Heilige und die Gewalt von 1972, sondern auch seine ersten Bücher über die Muster des mimetischen Begehrens in der Literatur, vor allem seine erstaunliche Studie Mensonge romantique et verité romanesque von 1961, was man etwa so übersetzen könnte: ‚Die romantische Lüge und die Wahrheit des Romans‘ (typisch deutsche Titelübersetzung des Verlags: „Figuren des Begehrens. Das Selbst und der Andere in der fiktionalen Realität“; das erinnert mich an Herbert Marcuses schönes Buch Eros and Civilisation über das ‚ozeanische‘ Liebesgefühl, das die Welt retten könnte, dessen Titel der deutsche Verlag in echtes ‚post-war‘ Nazi-Deutsch übersetzt hat: „Triebstruktur und Gesellschaft“ – ich höre das gerollte ‚r‘ und das Zusammenknallen von soldatischen Stiefelabsätzen).

Seine These ist hochgradig gewagt und bis heute umstritten, denn er versucht zu erklären, warum die Weltliteratur Romane und Theaterstücke kennt, die praktisch zeitlos gut sind, also anspruchsvolle E-Fiktion, und deshalb völlig zurecht kulturell kanonisiert wurden (er zeigt dies am Beispiel der wichtigsten Texte von Sophokles, Cervantes, Shakespeare und Dostojewski; zwanzig Jahre später kamen noch das Alte und das Neue Testament dazu) und andere Texte, die einfach nur ‚romantische Lügen‘ sind, mithin schlechte U-Fiktion und deshalb ebenso zurecht alle vergessen werden. Girard behauptet, dass alle großen Werke der Literatur eine Form von Menschenwissenschaft sind, indem sie dem Geheimnis des menschlichen Gewaltverhängnisses auf der Spur sind. Sie beschreiben die Mechanismen des Begehrens, benutzen sie für ihre Dramatik, und decken sie dabei auch auf, wenn man sie nur richtig liest. Die ‚romantische Lüge‘ ist dagegen das Motiv aller Texte, die die Spur der Gewalt in der Kultur verwischen und uns glauben machen wollen, dass die Verfolgung der Sündenböcke unser Recht und unsere Pflicht ist. Das finde ich einen faszinierenden Gedanken. Und damit hätte Fiktion auch einen eigenen Anspruch auf Wahrheit, nämlich als wichtigstes Instrument einer literarischen Anthropologie.

Der erfolgreichste Schriftsteller der Welt: Das Phänomen James Patterson

25. Mai 2013

Ich bin auf einen älteren Artikel gestoßen, der mich noch einmal genauso geflasht hat wie beim ersten Lesen: „Die Bücherformel„. Dieser ausführliche Bericht über den erfolgreichsten Schriftsteller der Welt, nämlich den Amerikaner James Patterson, erschien 2010 im Spiegel. Er hat mehr Bücher veröffentlicht als Dan Brown, John Grisham und Stephen King zusammen. Doch ich hatte seinen Namen bis dahin nicht gehört. Er hatte damals gerade einen Vertrag über 5 Bücher und 150 Millionen US$ Vorschuss abgeschlossen, die er bis 2013 geschrieben haben wollte. Der Artikel ist besonders deshalb interessant, weil Patterson ganz freimütig über seine technischen Kniffe erzählt. Es ist auch irgendwie versöhnend, dass er zuerst die großen Autoren gelesen hatte und schnell erkannte, dass, so faszinierend etwa James Joyce auch ist, er niemals so schreiben könnte.

In einem Interview, das er derselben Ausgabe des Spiegels gab, verriet er „Zehn Wahrheiten“ über sich, das Bücherschreiben und das Buch der Zukunft, also den Siegeszug von eBooks. Das ist alles höchst informativ und gut geschrieben. Patterson ist ein wirklich schlauer Hund und erstklassiger Geschäftsmann. Von ihm kann man sicher eine Menge lernen.

Kann man Schreiben lernen?

12. Mai 2013

Dazu gibt es ein schönes Zitat von Juli Zeh, sicher eine der besten deutschsprachigen AutorInnen: „Schreiben kann man lernen. Die notwendige Hinterhältigkeit aber, die ist angeboren“, hat  sie in ihrem politischen Lesebuch Alles auf dem Rasen. Kein Roman notiert.  In dessen Kapitel Marmeladenseiten berichtet sie auch von ihren Erfahrungen am DLL Deutschen Literaturinstitut Leipzig , wo sie zusätzlich zu ihrer juristischen Ausbildung einen Diplomstudiengang für literarisches Schreiben abgeschlossen hat. Ein kurzer Blick auf das Studienangebot im WS 2012/2013 macht deutlich, worum es in diesem Studium geht. Ist es also doch nicht so einfach, wie Hemingway der angehenden Kriegsreporterin Martha Gellhorn in Barcelona verärgert zugerufen haben soll „Don’t talk! Write! It’s easy. Just go to your typewriter and bleed“?

Ich habe vor kurzem vier Bücher gelesen, die Autoren beim Handwerk des Schreibens helfen wollen. Die möchte ich hier kurz vorstellen.

  • Sol Stein Über das Schreiben, Zweitausendeins 2009, Original Stein on Writing 1995, 458 Seiten.
    Das ist der Klassiker! Und das beste von allen Büchern über das Schreiben, die ich kenne. Stein behandelt fiktionale wie nicht-fiktionale Literatur und führt in das faszinierende Modell des ‚Actors Studio‘ ein, mit dem Handlung und Spannung systematisch erzeugt werden können. Besonders spannend fand ich das Kapitel Das Geheimnis des gelungenen Dialogs.
  • Hans Peter Roentgen Vier Seiten für eine Hallelulja. Ein Schreibratgeber der etwas anderen Art, Sieben-Verlag, 4. Aufl. 2008, 146 Seiten.
    Stimmt, das ist ein ‚etwas anderer Ratgeber‘. Denn er arbeitet mit rund 20 guten und schlechten Beispieltexten, die systematisch auseinandergenommen werden. Zuerst hielt ich nicht viel von diesem Buch, weil die ersten Beispieltexte so grauenvoll waren. Am Ende ist es doch außerordentlich lehrreich, denn viele typische Fehler werden anschaulich vorgeführt und analysiert.
  • Roy Peter Clark Die 50 Werkzeuge für gutes Schreiben. Handbuch für Autoren, Journalisten & Texter, Autorenhaus Verlag 2009, Original Writing Tools 2006.
    Sehr amerikanisch. In 50 Kapiteln, denen jeweils ein kurzer Workshop von 5 Fragen folgt, wird das gesamte Schreib-Business durchgehechelt. Gut für Leute, die es kurz und knackig mögen. Clark schreibt übrigens, das obige Hemingway-Zitat sei dem New Yorker Sportreporter Red Smith zuzuschreiben: „Schreiben ist ganz einfach. Man setzt sich an die Schreibmaschine und schneidet sich die Pulsadern auf.“
  • Elisabeth Benedict  Erotik schreiben, Autorenhaus Verlag 2002, Original The Joy of Writing Sex 2002.
    Einfühlsam beschreibt Benedict Sex in verschiedenen Kontexten wie Unschuld, Spaß, Ehe, Alter und Verbot. Es ist vielleicht ein wenig betulich, aber ich denke, es schadet nichts, wenn man beim ‚Erotik schreiben‘ vorsichtig beginnt, denn meistens liegt der Fehler von Anfängern darin, dass sie weit übers Ziel hinausschießen.

Eigene Erfahrungen

Ich wurde sicher nicht mit einem Talent zum Schreiben geboren. Deshalb musste ich es erst lernen. Es hat lange gedauert, bis ich die ersten Zeilen geschrieben habe, die mir heute nicht peinlich sein müssen. Deshalb bin ich überzeugt: Wer gut schreiben will und kein Georg Büchner oder Arthur Rimbaud ist, der muss viel schreiben! Deine erste Million Wörter kannst du getrost in die Tonne kloppen, soll Hemingway gesagt haben (ich suche schon lange den Beleg für dieses Zitat – könnte es auch Henry Miller gewesen sein?) Bei mir stimmt das jedenfalls ziemlich genau.

Angefangen hat alles mit dem Tagebuch- und Briefeschreiben, das ich vor etwa 35 Jahren begonnen habe. Mittlerweile belegen die Tagebücher einen ganzen Regalboden und die Briefe füllen eine Truhe von der Größe eines Umzugskartons (natürlich nur die Antworten auf meine Briefe, aber die Menge dürfte identisch sein). Das ergibt eine ziemlich zuverlässige Chronologie meines Lebens, vor allem was den Sex und alle Liebesgeschichten angeht. In diesem Medium habe ich das erotische Schreiben geübt und allmählich – und zwar sehr, sehr langsam – gelernt. Ich glaube immer noch, dass es kaum etwas Schwierigeres gibt als das erotische Schreiben.

Während meines Studiums schrieb ich etwa ein Dutzend Seminararbeiten von 20 bis 30 Seiten Umfang, dann eine Magisterarbeit von 160 Seiten und schließlich eine Dissertation, die 500 Seiten stark war. Mein Stil hatte sich mit der Zeit immer weiter verbessert und auf meine Doktorarbeit bin ich heute noch stolz. Als ich sie zehn Jahre später drucken ließ und auch jetzt kürzlich, als ich sie als eBook veröffentlichte, musste ich kaum etwas ändern. Mit all diesen Texten habe ich das wissenschaftliche Schreiben gelernt, das eine Disziplin für sich ist.

Gegen Ende meines Studium begann ich, für Zeitungen zu schreiben. Zuerst waren es nur Rezensionen und Kommentare, aber dann bekam ich allmählich Platz für meine Essays. Das war mir sehr wichtig, denn ich wollte – anders als in den wissenschaftlichen Texten – mit meiner eigenen Stimme schreiben, subjektiv und höchstpersönlich, denn ich glaube, nur auf diesem Weg wird man ein richtiger Auteur, wie die Franzosen das nennen. Das war mein Weg zum journalistischen Schreiben. Das war von enormer Bedeutung für mich, denn zum ersten Mal wurden meine Texte nicht nur veröffentlicht, sondern ich wurde auch dafür bezahlt. Von dem Moment an war ich kein Schreib-Laie mehr und betrat die Arena der Profis.

Den Einstieg ins literarische Schreiben fand  ich durch das Lesen, und zwar als Praktikant im Berlin Verlag, wo ich – freiwillig! – für die ‚unaufgefordert eingesandten Manuskripte‘ zuständig war. Normalerweise graut es jedem in einem Verlag vor dieser Aufgabe, weshalb die Kollegen es ziemlich seltsam fanden, als ich mich mit größter Freude in diese Aufgabe stürzte. Ich wollte wissen, wie ‚jungfräuliche‘ Literatur aussieht, ihren ‚Rohzustand‘ studieren, und herausfinden, ob und wie das Ausgangsmaterial im Bauch eines Verlags so weiterentwickelt werden kann, bis es reif für die Veröffentlichung ist. Dabei schrieb ich zu jedem Manuskript, dass ich ablehnen musste – mehr als 5 bis 10 Seiten braucht man nicht, um einen Text beurteilen zu können – eine qualifizierte Absage, formulierte also die Gründe für die Ablehnung und ggf. Verbesserungsvorschläge. Zu vier Manuskripten schrieb ich ein Exposee und verteidigte es in der Verlagsbesprechung, vor allem gegenüber Arnulf Conradi. Das war eine hervorragende Schreibschule für mich! Mit diesen Erfahrungen gründete ich einige Jahre später den Perlen Verlag, in dem ich auch selbst lektoriere und korrigiere.

Meine ersten beiden Bücher nach der Dissertation waren ein politisches und ein diätetisches Sachbuch. Im Hintergrund gärte jedoch schon seit 25 Jahren ein großer literarischer Text. All meine Lektionen im erotischen, wissenschaftlichen, journalistischen und literarischen Schreiben dienten von Anfang an dazu, mich in die Lage zu versetzen, die Nippon-Trilogie Die Entdeckung des Ostpols schreiben zu können. Für diese Geschichte eines deutschen Arztes und Naturforschers im alten Japan brauchte ich jedes dieser Register. Ich habe sie kürzlich abgeschlossen, und die an Hindernissen reiche Geschichte ihrer Entstehung findet sich im Nachwort des Autors. Heute freue ich mich auf die vor mir liegenden Roman- und Drehbuchprojekte – es gibt genug Material für mindestens zehn, wenn nicht sogar zwanzig Jahre Schreibarbeit – und fühle mich für alle Herausforderungen gut vorbereitet. Ich werde wie Joseph Conrad und Wladimir Nabokov auch auf Englisch schreiben – wenigstens einen Abenteuerroman!

Making-of „Der 53. Brief“ – Pionier-Roman mit holpriger Vorgeschichte

29. April 2013

53. Brief, Der - Alem Grabovac

 Grabovac_53brief_Cover

Maliks Tapes_CoverDer Autor Alem Grabovac erzählte Harald Steinhausen, dem Leiter des Perlen Verlags, bereits im Sommer 2007 von einem erotischen Briefroman, an dem er arbeitete. Ein Jahr später lag das fertige Manuskript vor und Grabovac hatte es bereits mehreren Verlagen angeboten. Die hatten es zwar abgelehnt, aber immerhin mit ermutigenden Stellungnahmen einiger Lektoren.

In dieser Zeit hatte auch Steinhausen eine Kopie erhalten. Die Lektüre war ein holpriger Start.

„Als ich das Manuskript zum ersten Mal gelesen hatte, fand ich den Protagonisten und fiktiven Autor der Briefe, den Kulturjournalisten Malik, einfach zum Erbrechen. Wahrscheinlich, weil ich zu viele Leute im Prenzlauer Berg kenne, die tatsächlich so sind. Eigentlich wollte ich Alem den Haufen Papier einfach zurückgeben, aber unser Treffen in dem Café An einem Sonntag im August auf der Kastanienallee kam aus irgendeinem Grund nicht zustande. Da habe ich angefangen, die Briefe noch einmal zu lesen, und zwar zwischen den Zeilen und durch Maliks narzisstisches Geschwafel hindurch. Plötzlich fand ich das alles ganz spannend. Das Psychogramm des zunächst dilettantischen Callboys war eigentlich sehr schlüssig. Wunderbar fand ich dann die eigenwillige Metropolen- Analyse! Ich habe das Manuskript unserem Verleger Reginald Grünenberg empfohlen, der es trotz seiner vielen Japan-Reisen auch tatsächlich las.“

In Grünenbergs Handgepäck flogen Maliks Briefe an seine Ex-Freundin Stella  von Berlin nach Tokyo und zurück. Auch sein erster Eindruck war zwiespältig.

„Mir ging es damals wie Harald. Im ersten Anlauf fand ich Malik unerträglich. Zwar war der Text außerordentlich gut geschrieben, doch ich hatte den Verdacht, dass hinter Maliks Stimme nur der Autor Alem Grabovac mit seinen eigenen kleinen Befindlichkeiten, schwülstigen Fantasien und unerfüllten erotischen Träumen steckte. Doch Harald hatte mir schon zugezwinkert, dass da mehr dran ist. Ich sollte Alem erst einmal kennenlernen. Das tat ich dann auch und wir trafen uns in Haralds Wohnung in der Oderbergerstraße. Als ich mit Alem sprach, da verstand ich erst, dass die Figur Malik tatsächlich eine großartige literarische Konstruktion ist, die nichts oder nur wenig mit ihrem Autor Alem Grabovac zu tun hat. Alem zeigte mir auch das ganze literarische und philosophische Hinterland dieses Briefromans, das mich beeindruckte. Es war also doch nicht nur die narzisstisch verpeilte Botschaft eines Autors durch seine Hauptfigur, sondern ein komplexes und beziehungsreiches Porträt eines neuen urbanen Typus Mann, eines unausgebackenen Halbintellektuellen mit einem Rest von Herz, das aber dumm ist. Doch damit tauchte ein Problem auf: Wenn Harald und ich die Konstruktion nicht also solche erkennen, sondern sie für die authentische Stimme des Autors halten, dann wird es den Lesern des gedruckten Buches nicht anders gehen. Ich sagte Alem, der Roman bräuchte einen Rahmen, eine Referenz, damit die Fantasien von Malik nicht alle für bare Münze genommen werden, damit sein Selbstbetrug gekennzeichnet oder zumindest erahnbar wird, und vor allem damit die literarische Figur Malik nicht mit ihrem Autor Alem Grabovac verwechselt wird. Alem stimmte dem zu und wir fingen sofort an, Ideen für einen solchen Rahmen zu entwickeln, der klarmacht, dass es bei Malik eine große Kluft zwischen Vorstellung und Wirklichkeit gibt. Das ist natürlich nicht ganz einfach bei einem Briefroman, wo der ganze Text in der ersten Person geschrieben ist. Da hatte Harald die Idee, dass man das außerhalb des Textes machen müsste, und zwar durch Illustrationen oder ein Hörspiel, womit der Text ergänzt wird. Er spann diesen Gedanken auch gleich weiter und sprach schon von Maliks Tapes, mehr oder weniger zufällige und ungeordnete Aufnahmen mit einem Diktiergerät, das gar nicht richtig zum Diktieren verwendet wird, sondern das die Realität außerhalb der Briefe mitschneidet. Und dann war es nur noch ein Schritt, um die Illustrationen und Fotos noch mit reinzunehmen und aus Der 53. Brief den ersten multimedialen Roman zu machen. Alem war diesen Ideen gegenüber völlig aufgeschlossen und unterstützte Harald danach in allen Phasen der Umsetzung.“

Der Abschluss des Autorenvertrags war dann eine weitere Herausforderung und forderte den Einsatz von Freunden, Agenten, Bekannten und Rechtsbeiständen. Doch nachdem die Unterzeichnung im Verlagsbüro mit Wodka begossen war, konnte Steinhausen mit der Produktion des „Rahmens“ für den Roman beginnen. Mit dem professionellen Sprecher und Schauspieler Christian Eckert, dem Tonstudiobetreiber Irek Szumlanski und einigen Freunden produzierte er im Studio tonfabrik www.tonfabrik.eu das Hörspiel Maliks Tapes. Es sind die literarischen Audioaufnahmen, die Malik, der Autor der Briefe, in Abständen mit seinem Diktiergerät macht. Sie beleuchten nicht nur die Abweichungen von Maliks Selbstdarstellung in den Briefen, sondern sie machen auch die Metropole Atopos hörbar.

„Für das Hörspiel haben wir uns zehn Nächte im Studio vergraben, in Christian Eckerts tonfabrik im Friedrichshain. Das Ganze startete als eine einzige Improvisation und ist uns erst unter den Händen gewachsen. Dabei ging es nicht immer zaghaft zu. Christian und Lale haben sich etwa bei der Disco-Toiletten-Szene blaue Flecken geholt und das Studio fast zum Einsturz gebracht. Die Straßen-und Kneipenambiance hat Irek mit dem Mikro um 2 Uhr in der Nacht um die Ecke in der Simon-Dach Straße eingesammelt. Tanja und Cordula haben uns ihre Einspielung zu vier Händen von Ma Mère l´Oye für die Hotel-Bar zur Verfügung gestellt. Ich habe mir in einer halben Minute die Stimme weggebrüllt, die erst nach drei Tagen wiederkam. Der Hund Windhorst – eine Hommage an das Wirtschaftswunderkind und den Pleitier Lars Windhorst – hat ein neues Herrchen gefunden. Großartig war auch, als ich mit der Fotografin Selina Schwank in der einen Ecke des Büros Maliks Bude inszenierte, während in der anderen Ecke der Poetry Slammer Felix Römer mit Ulli Berg einfach an ihrer nächsten Performance weiterarbeiteten.“

Der Roman wurde im März 2009 auf der Leipziger Buchmesse als Buch mit Hörspiel-CD  vorgestellt. Wenige Tage vor der Messe trafen sich Eckert, Grünenberg, Steinhausen und Szumlanski in der tonfabrik und entwarfen den Plan, alle multimedialen Inhalte des Romans auf einem USB-Stick zu speichern und diesen mit dem Internet zu verbinden. Das war auch schon die Entscheidung des Perlen Verlags, aus diesem Roman ein neues Medienformat zu entwickeln, das erste Smart Book.  Damit wurde aus dem Roman Der 53. Brief, der wahrlich keinen leichten Start hatte,  gleich in doppelter Hinsicht ein Pionierwerk.

P. S. im April 2013

Das Projekt ‚Smart Book‘ haben wir 2011 eingestellt. Mit dem Roman machen wir aber weiter. Er ist gedruckt noch vorrätig und es ist wahrscheinlich das schönste Buch,das wir bisher veröffentlicht haben. Inzwischen ist „Der 53. Brief“ auch im Amazon Kindle Shop für 4,99 € als eBook erschienen. Da man bei eBooks von Amazon Kindle keine Audio-Dateien einfügen kann, ist der Download für das Hörspiel separat. In Kürze sollen alle Mediendateien in einem interaktiven eBook im Apple iTunes Store erscheinen.

Digitaler Neustart des Perlen Verlags

23. April 2013
Es ist ja ziemlich still geworden um unser kleines Unternehmen. Hier ein kurzer Abriss unserer Geschichte und wo die Reise jetzt hingeht.
Anfang 2009 wollten wir als junger, ehrgeiziger und engagierter Verlag, der einige Jahre im Verborgenen das Verlegen geübt hatte, das machen, was die großen Verlagshäuser sich nicht trauten, nicht konnten und nicht verstanden. Die einfachen Dinge wollten wir den anderen überlassen. Wir suchten das Anspruchsvolle, Komplexe, Spannende und Beziehungsreiche. Wir waren literarisch und intellektuell unersättlich neugierig. Wir wollten offensiv alle digitalen Medien nutzen, neue Formate entwickeln und fanden den Ausspruch „Bücher sind Websites, die man bindet“ (Thierry Chervel, Perlentaucher) großartig.
Was ist davon geblieben? Wir haben Lehrgeld bezahlt und Federn gelassen. Die Barsortimente (Buch-Großhändler) KNV und Libri sowie einige größere Verlage hatten sich für unsere technologischen Lösungen interessiert, wie man den stationären Buchhandel in das Geschäft mit digitalen Büchern einbeziehen könnte. Wir hatten viel Geld investiert und eigens eine Technologie-Firma gegründet, um zunächst Demos und Prototypen zu entwickeln. Doch am Ende bekamen wir dafür nur lange Gespräche auf unsere eigenen (Reise-)Kosten und warme Händedrücke. Der Buchhandel selbst ließ uns bei Provisionen bis zu 55% (für die Großhändler, Händler und Amazon) auch nichts zum Leben. Alleine die jährlichen Mitgliedsgebühren für den Börsenverein des Buchhandels entsprachen den Druckkosten von eintausend Hardcover-Büchern. 2011 mussten wir den Betrieb vorläufig einstellen. Das ist nur die Chronik der Ereignisse, keine Klage. Wir hatten falsch kalkuliert, zu wenig Kapital und zu große Hoffnungen auf einen großen Befreiungsschlag gesetzt. Das war vielleicht liebenswürdig, aber auch naiv und amateurhaft. Es sind aber auch ein paar schöne Erinnerungen geblieben, vor allem die Buchmessen und die wilden Partys, die wir hier auf unserem Blog in Wort, Bild und Video festgehalten haben.
Heute ist alles anders. Barsortimente, Börsenverein und stationärer Buchhandel sind in der Krise, aber das hat nichts mehr mit uns zu tun. Wir hatten die digitale Wende im Buchverkauf immer als Chance verstanden, und jetzt ergreifen wir sie. Der Perlen Verlag wird digital, gedruckt wird nur noch bei Vorfinanzierung durch die Verkäufe der entsprechenden eBook-Titel. Inhaltlich bleiben wir bei unserem Motto: Die einfachen Dinge überlassen wir den anderen.
Dabei wird es bald einen Schwerpunkt Japan geben und es ist eine Kurzromanserie Berlin PSYCHO angekündigt.

 

Nachlese zum zweiten PERLENFEST und Christines Geburtstagsparty

1. November 2010

Es war eine riesige Fete! Das Beste zuerst. Und das war nach einhelliger Meinung der über 100 Gäste, die 59 Flaschen Wein, 180 Flaschen Bier sowie einige Flaschen Wodka, Rum und Gin geleert und bis sieben Uhr morgens entsprechend ekstatisch getanzt haben, der Auftritt des Bildhauers, Galeristen, Filmausstatters und Musikers Todosch Schlopsnies. Hier nur der Anfang davon, das steigerte sich später noch zu einer kollektiven Urschrei-Therapie. 

Schalk und Hans-Dampf in allen Gassen:
Unser Partner Christian Eckert von Braumeister.tv, der Tonfabrik und Smart Media Technologies

Christian Eckert liest mit Joachim Bohnert dessen Revolutionstheaterstück
Entsorgung und Ende des Horatio Neath Viscount of Cardigan  

 Anette und Bussi-König Reinhard

Kurt, Reginald, Michael und eine unbekannte Schönheit an der Bar

Die Fotografin Susanne Schleyer, Inhaberin der Autorenarchivs

 

Karin Krautschick und Susanne Held erklären Die Deutschen aus diesen beiden Worten heraus 

Die Dichterin, Performerin und Poetry Slammerin Karin Krautschick 

Präsentation des ersten Smart Books – der Autor Alem Grabovac sitzt links von mir und sieht zum ersten Mal seinen Roman in diesem neuen Medienformat – und des ersten Prototyps unseres USB-Multiplug Sticks  

Wir stellten das erste Smart Book von Smart Media Technologies vor, der Firma, die wir im März 2010 aus dem Perlen Verlag heraus gegründet haben.  Dazu hatten wir den erotisch-philosophischen Roman Der 53. Brief von Alem Grabovac ausgewählt, den wir im Perlen Verlag 2009 als Hardcover mit Hörspiel-CD veröffentlicht hatten. Bisher produzieren wir Smart Books auf herkömmlichen USB-Sticks. Bei dieser Präsentation zeigten wir aber auch zum ersten Mal den Prototypen einer neuen Generation von USB-Sticks, den wir USB-Multiplug Stick nennen. Er hat drei USB-Stecker im Format Standard A, Mini- und Micro-USB, kann mit allen Geräten wie etwa Handys verbunden werden, die über die entsprechenden Buchsen verfügen, und leitet auch Ladestrom und Daten durch, wenn etwa ein PC an einer Seite und ein Smartphone an der anderen Seite angeschlossen ist.  

Todosch noch einmal in Action

Eindrücke im Morgengrauen: Eva, groß, schön und (nur fotografisch!) schon etwas unscharf

Es war toll! Das Geburtstagskind Christine war so glücklich wie wir alle. Wir haben uns auch sehr über eure vielen Dankes-Emails gefreut. Das ist für Berliner Verhältnisse schon ein Kompliment.

Also dann: bis nächstes Jahr!

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