Alles begann in Leipzig
Der Perlen Verlag besteht schon seit mehreren Jahren. Doch erst jetzt, auf der Leipziger Buchmesse, sind wir das geworden, was wir von Anfang an sein wollten: eine Bande von Buchmachern, die alles anders macht als die anderen und die sich traut, was die anderen sich nicht trauen. Doch zuvor mussten wir erst einmal bis nach Leipzig kommen! Im Dezember war die Übersetzung der Kritik der arabischen Vernunft noch nicht einmal begonnen und der illustrierte Briefroman mit Hörspiel Der 53.Brief war weder lektoriert, noch gab es Illustrationen und von einem Hörspiel gab es nicht mehr als die Idee. Erst Anfang März fiel uns auf, dass wir ja gar kein Verlagsprogramm 2009 hatten! Auf unsere erste Buchmesse ohne Programm? Auf keinen Fall. Wir hatten bisher immer wieder neue Programme geschrieben, zwei DIN A4-Doppelseiten aus dem Tintenstrahldrucker auf A5 gefaltet und geheftet, in denen nur die Bücher standen, die wir bereits veröffentlicht hatten. Jetzt ging es erstmals darum, das wir unsere noch nicht gedruckten, aber geplanten Titelfür das ganze Kalenderjahr ankündigen. Aber dazu mussten wir diese ja auch erst einmal planen, das heißt Projekte und Manuskripte auswählen, passende Titel beschließen, Dummy-Titelbilder entwerfen, vorläufige Preise berechnen, ISBN-Nummern zuweisen, die Programmtexte zu diesen Titeln schreiben sowie ein prickelndes Verlagsprofil, was ungefähr so ist wie mit einem Fischnetz hinter einer Fliege her zu sein. Und das alles in zwei Tagen, denn dann ist der Drucktermin, damit die Programme rechtzeitig zur Messe angeliefert werden können. Es war ein 48-Stunden-Marathon, ein Horror! Am Ende hatten wir ein 12-seitiges DIN-A4 Programm, dessen Umfang und Qualität mich überrascht hat. Hike Pindur hat sich selbst übertroffen mit den Dummy-Titeln, die einfach spitze aussehen. Man kann sich nur auf die Bücher freuen, wenn man sie so angekündigt sieht. Ich druckte es aus um es auf dem Workshop vorzustellen, den wir am letzten Wochenende vor der Messe machten, um den Ablauf, die Organisation, die Ziele und die gemeinsame Linie für die Veranstaltung festzulegen. Mann, das war ein Effekt! Hier ist unser neues Mission Statement, unsere Philosophie, unser Verlagswappen:
Wir sind ein junger, ehrgeiziger und engagierter Berliner Verlag. Wir machen das, was die großen Verlagshäuser sich nicht trauen, nicht können und nicht verstehen. Die einfachen Dinge überlassen wir anderen. Wir suchen das Anspruchsvolle, Komplexe, Spannende und Beziehungsreiche. Wir sind literarisch und intellektuell unersättlich neugierig. Wir nutzen offensiv alle digitalen Medien, entwickeln neue Formate und finden den Ausspruch „Bücher sind Websites, die man bindet“ (Thierry Chervel, Perlentaucher) großartig. Jedes Buch stiftet eine Gemeinschaft von Lesern. Wir wollen Bücher heute so produzieren, dass ihre Leser sich tatsächlich begegnen und austauschen können, dass der Buchrücken kein Ende ist, sondern eine Eintrittskarte.
Wir bieten Lese-, Hör- und Denkerlebnisse, die man nicht so schnell vergisst. Idealerweise sind unsere Bücher Anlässe für weitere Artikel, Essays und Bücher. Oder für ein herzliches Lachen, weil nichts so erfrischend ist wie ein intelligent gekitzelter Verstand.
Wir suchen Ideen, Menschen und Manuskripte, die zu dem passen, was wir sind, und was wir bieten wollen. Es ist nicht die handwerkliche Perfektion oder die literarische Akrobatik, die uns anzieht, sondern das Neue, Ungedachte und Unerwartete.
Zwei Tage später, am Montag vor der Buchmesse, gingen wir noch einmal unsere Checkliste durch und holten das Auto ab, einen 7-sitzer, der uns heil nach Leipzig und zurück bringen sollte. Das Angebot von www.die-ente.de war unschlagbar: einen Plymouth Voyager, unbegrenzte Kilometer, € 199,- für eine ganze Woche. Dann war ich doch etwas überrascht, wie abwrackwürdig das Fahrzeug aussah mit den vielen Kratzern und dem Werbeaufkleber “Hässliches Entlein”, ganz zu schweigen von der fehlenden Zentralverriegelung und dem Kassettenrecorder an Bord. Wer hat denn noch Kassetten? Waren die nicht schon 1995 aus der Mode, dem Baujahr dieses Ungetüms? Das ist eben das gar nicht dumme Geschäftsmodell der Vermietung, das am Ende auch für uns aufgegangen ist.
Die letzten Vorbereitungen im Berliner Büro
Sixpack bei der Abfahrt nach Leipzig
Alem, Ulli, Lea, Cilly, Christine und Harald
…und das Video dazu
Mit sieben Leuten, ihrem Gepäck, den Büchern und der Ausrüstung war auch der letzte Kubikzentimeter ausgefüllt. Bücher waren verstaut unter Sitzen und in allen Ritzen. Die auf den beiden Hinterbänken sitzenden mussten wir einmauern. Wir kamen uns vor wie eine türkische Familie unterwegs zum Bosporus oder einer jener komplett überladenen Busse, die durch die Anden brettern. Es lief alles glatt, das Wetter lachte uns an und wir hatten eine kurze und unterhaltsame Fahrt.
Ankunft bei der Seeperle im Süden von Leipzig
Auf der Rückfahrt vom Messegelände zu unserem Unterschlupf haben wir noch Christian Eckert aufgegabelt und alle zusammen noch einen Aldi überfallen.
Frühstück mit unserem Gast
Vincent von Wroblewski
Abendessen in der Perlen WG
Unangemeldete Demo
